An diesem Tag in der Geschichte: 5 Dezember 1925

Die Unterzeichnung der Verträge von Locarno am 01. Dezember 1925

Journalisten
Journalisten und Fotografen
Jedes Datum ist auch ein historisches Datum. So wurden zum Beispiel in dieser Woche vor 89 Jahren in London die Verträge von Locarno unterzeichnet. Die Fakten dazu kann jeder in den Geschichtsbüchern nachlesen: Es handelte sich um sieben völkerrechtliche Vereinbarungen, die am 10. September des folgenden Jahres mit der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund in Kraft traten. Ausgehandelt wurden diese Verträge in Locarno, im schweizerischen Tessin. Diplomaten aus Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, der Tschechoslowakei und Deutschland trugen zu dem unerwartet erfolgreichen Verlauf der Konferenz bei. So schienen die Folgen des Ersten Weltkrieges endlich unter Kontrolle – die Grenzen des Versailler Friedensvertrages wurden bestätigt und das Rheinland entmilitarisiert.

Heute schätzt man die Bedeutung dieser Verträge nach ihrem historischen Kontext ein, vor allem im Wissen darum, dass der neue Frieden nur von kurzer Dauer war. Doch wie beurteilten die Menschen damals diesen entscheidenden Schritt für das Zusammenwachsen Europas? Am anschaulichsten kann dies an Hand der damaligen Presse nachverfolgt werden.

Im Europeana Newspapers Browser stellen 25 Bibliotheken aus 23 Ländern digitalisierte historische Zeitungen zur Verfügung. Durch die Volltextsuche ist es ein Leichtes dort Artikel zu einem bestimmten Thema zu finden. Bald werden es ca. 30 Millionen Zeitungsseiten sein durch die man online stöbern kann.

Berliner Tageblatt, 5 Dezember 1925
Berliner Tageblatt, 5 Dezember 1925

So kann man nachlesen wie über die Vertragsunterzeichnung vor 89 Jahren gedacht wurde. Das Berliner Tageblatt zum Beispiel träumte von der Zukunft in einem friedlichen Europa: „An dem Tage, an dem in Locarno die Konferenz beginnt, wollen wir die Hoffnung aussprechen, dass der Zauber des Lago Maggiore nur wohltätig auf die dort versammelten Goetheschen Gestalten wirken und sie dazu führen wird, in das gründlich verbaute Europa wieder einige Harmonie zu bringen.“

Die Verträge von Locarno stellten eine neue Hoffnung für Europa dar. Der britische Außenminister Chamberlain sprach davon, dass es fortan weder Sieger noch Besiegte geben werde. Für die Unterstützung der europäischen Idee erhielten Stresemann, Briand und Chamberlain den Friedensnobelpreis 1926.  „Alles war von vornherein in Locarno auf gegenseitiges Vertrauen gestellt. Alles atmete, nach Jahren der Er- und Verbitterung, einen neuen Geist.“, schwärmte der Sonderkorrespondent Erich Dombrowski im Berliner Tageblatt.

Hamburger Anzeiger, 23 November 1925
Hamburger Anzeiger, 23 November 1925

Doch die Bemühungen um ein friedliches und harmonisches Europa wurden nicht überall goutiert. Die bürgerliche Regierungskoalition in Deutschland unter Reichskanzler Hans Luther zerbrach nach der Unterzeichnung des Locarno-Paktes durch den Austritt der rechtsnationalen DNVP. Dennoch nannte der Kanzler in einer Rede am 23. November 1925 die Verträge „ein unverkennbarer Schritt nach oben“ und „ein Anfang, kein Ende“ und betonte: „Der Sinn dieses Vertragswerkes kann kein anderer sein als der, neue und bessere Grundlagen für die friedliche Weiterentwicklung aller Länder Europas zu schaffen.“ (Berliner Tageblatt). Der Hamburger Anzeiger akzentuierte dieselbe Rede etwas anders und zitierte den Kanzler mit den folgenden Worten: „Die Besetzung deutschen Landes verliert ihre innere Begründung“ und „Der Politik der Diktate und Ultimaten ist der Boden entzogen“.

Artikel in Hamburger Anzeiger, 1 Dezember 1925, S1
Artikel in Hamburger Anzeiger, 1 Dezember 1925, S1

Am Tag der Vertragsunterzeichnung in London bekannte sich der Hamburger Anzeiger zum Zwiespalt und sinnierte: „Die Frage, ob Locarno wirklich das Werk des Friedens, als das man es heute und morgen preisen wird, sein wird, erscheint uns daher heute als politische, mehr noch, als geschichtsphilosophische Spekulation, deren Erörterung müßig ist.“ Der Grundtenor blieb dennoch der gleiche, die Verträge seien „das Eingeständnis, daß der Ring gesprengt ist, der solange Deutschland die Luft zum Atmen und die Freiheit zum Handeln nahm.“

Gaulois_Locarno_detail
Le Gaulois, 2 Dezember 1925

Natürlich wurden die Verträge auch in vielen anderen europäischen Ländern ausgiebig diskutiert. Besonders interessant ist hier die Berichterstattung der Presse Frankreichs. „Tout á la paix…“(alles für den Frieden) kommentierte der französische Gaulois die Vertragsunterzeichnung am 01. Dezember 1925 in London. Ausführliche Berichterstattung findet sich ebenso in Le Siècle, Le Temps, L’action française, Le Petit Journal oder Le Martin.

Auch die Meraner Zeitung, der Burggräfler, Der Landsmann – Tagblatt der Deutschen südlich des Brenners und die Bozener Nachrichten berichteten detailliert über den Entwurf des Sicherheitspakts.

Wer des Estnischen mächtig ist kann die Ereignisse auch in den estnischen Zeitungen Wirumaa Teataja oder Eesti Kirik nachlesen. Aus Lettland finden sich Artikel im Kursemes Wahrds, aus Spanien in El Sol, El siglo de futuro oder El Heraldo de Madrid. Das Luxemburger Tageblatt berichtete zweisprachig von den Ereignissen, auf Deutsch und Französisch.

El Heraldo de Madrid, 2 Dezember 1925, S1
El Heraldo de Madrid, 2 Dezember 1925, S1

Manchmal sind es die kleinen Kuriositäten oder Randerscheinung, die besonders interessant und aufschlussreich sind. So illustrierte zum Beispiel der Heraldo de Madrid den Artikel zur Unterzeichnung der Locarno Verträge mit einer Darstellung Kölns, da die Entmilitarisierung des Rheinlandes als besondere Voraussetzung eines europäischen Friedens galt. Auch die Schilderung des Abendessens am Abend der Vertragsunterzeichnung im Hause Chamberlain zeigt auf, wie dort im informellen Rahmen eine beschleunigte Räumung des Rheinlandes verhandelt werden konnte (Berliner Tageblatt).

Wer sich für dieses historisch bedeutsame Ereignis – oder für ein beliebiges anderes – interessiert, für den gibt es nichts Geeigneteres als die Recherche in den originalen Quellen der Zeit – zu sichten, zu vergleichen, sich die unterschiedlichsten Stimmen der Zeitgenossen anzuhören. In den bislang oft schwer zugänglichen Dokumenten lassen sich bequem online nicht nur für Historiker ungeahnte Schätze finden.

Interview mit Stresemann, Le Petit Journal, 2 Dezember 1925
Interview mit Stresemann, Le Petit Journal, 2 Dezember 1925

Autor: Sandra Kobel, Staatsbibliothek zu Berlin

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